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Dem
Wasser des Flusses Boyne wurde seit ältester Zeit eine besondere
Fähigkeit zugesprochen: Wer immer im Monat Juni aus dem Boyne trank,
dem würde eine besondere Gabe zuteil, er bekäme ein Seher
und Poet. Ob Leute das immer noch probieren, kann ich nicht so genau
sagen, allerdings habe ich viele Iren getroffen, die sich in verschiedenster
Hinsicht für begabt, sehend vielleicht sogar für Propheten
halten. Könnte also sein.
Der
älteste Literaturhinweis auf den Fluss stammt aus dem zweiten nachchristlichen
Jahrhundert, Ptolemaios, der große griechische Geograph
berichtet in seiner Geographie Irlands vom Fluss Buvinda. Es
handelt sich wohl um eine Umschreibung des keltischen Namens und bedeutet
soviel wie Wasser der Weisheit.
Nahe Slane beschreibt der Fluss einen Bogen, umschließt
ein großes fruchtbares Tal. Hier lebten seit dem Neolithikum Menschen,
bearbeiten das ertragreiche Land. Aus der Zeit vor den großen
Megalithgräbern ist so gut wie nichts bekannt, die Erbauer von
Newgrange, Knowth und Dowth lebten um 3000 vor Christus in dem Gebiet.
Das
Phänomen der Ganggräber
Unter
einem Megalithgrab versteht man, ganz allgemein gesprochen, einen Begräbnisplatz,
der aus großen Steinen besteht. Dabei steht mega für
groß und lithos für Stein. Das mag manchem spanisch
vorkommen, ist eigentlich aber griechisch.
Allein
in Irland soll es an die 1500 dieser Grabmäler geben. Typisch und
namensgebend für Ganggräber ist die aus mehr oder weniger
großen Monolithen gebildete Passagen (engl. passage tomb).
Stets führe sie in eine Grabkammer, deren Form und Größe
wiederum sehr unterschiedlich sein kann.
Von außen betrachtet hat das Grab die Form eines Hügels.
Je nach Region bestehen die Hügel aus Erde, Stein oder wie im Falle
Newgranges und Knowths aus Beidem. Hier wurde der Hügel aus Schichten
aufgetürmt, wahrscheinlich um das Innere bestmöglich zu isolieren.
Ganggräber sind eine besonders für den Norden Irlands typische
Form. Sie finden sich meist in Gruppen, die Größen variieren
dabei beträchtlich. In Brun na Boinne allein gibt es 35-40 dieser
Grabhügel. Sie sind mehr oder weniger rund, den äußeren
Abschluss bildet bei fast allen ein Ring aus teils monumentalen Kerbsteinen.
In die Kerbsteine sind verschiedene symbolhafte Muster eingraviert.
Was genau die einzelnen Motive bedeuten, kann nicht mit letzter Gewissheit
geklärt werden. Meist wird ein abstrakt naturalistischer Hintergrund
vermutet, seien es Symbole für Jahreszeiten oder auch die Sonne.
Newgrange
Der große Grabhügel von Newgrange ist nicht nur der größte
seine Art, er ist auch in Ausführung und Ausstattung einmalig.
Der Grabhügel ist 13 Meter hoch, der durchschnittliche Durchmesser
beträgt stolze 80 Meter. Ein Ring aus 97 Kerbsteinen, ein jeder
drei bis vier Meter lang und im Schnitt über einen Meter hoch,
markiert den Umfang des Hügels. Besonders ins Auge fällt der
große Stein am Eingang zum Grab. Er ist über und über
mit geometrisch anmutenden Spiralmustern verziert. In seiner Ausführung
gehört er zu den herausragendsten Beispielen seiner Art.
Ein 19 Meter langer, bis zu zwei Meter hoher Gang führt in die
eigentliche Grabkammer. Er wird aus reich verzierten Monolithen gebildet
und ist, wie sich mehr oder weniger zufällig herausstellte, genau
auf den Sonnenaufgang der Wintersonnenwende ausgerichtet.
Am 21. Dezember reicht ein schmaler Sonnenstrahl für kurze Zeit
bis in die Grabkammer und bietet dem Besucher ein einmaliges Schauspiel.
Der genau 17 Zentimeter breite Strahl, der nicht etwa durch den Eingang
fällt, sondern durch einen extra dafür eingelassenen Schlitz
über der Türkonstruktion, erleuchtet die gesamte Kammer, enthüllt
faszinierenden Details, die ganze Magie des Ortes.
Die Grabkammer besteht aus vier verschiedenen Räumen, zusammen
bilden sie ein Kreuz. Der zentrale Raum ist vergleichsweise größer,
die sie umgebenden kleineren Kammer könnten Nebenräume sein.
Ihre Funktion bleibt unklar, doch könnten die in ihnen befindlichen
großen Steinbecken ein Indiz sein. Vermutlich wurden hier die
für die eigentliche Zermonie in der Zentralkammer bestimmten Substanzen
angerührt.
Knowth
Anders jedoch nicht weniger spektakulär ist der zweite große
Grabhügel von Bru na Boinne. In Knowth findet sich gleich
eine stattliche Anzahl von Hügelgräber, der "Große"
ist geradezu eingekreist. Mindestens zwei der 19 Satellitenhügel
sind allerdings älter.
Der Durchmesser des größten der Hügel beträgt 80
bis 95 Meter, 127 Kerbsteine umschließen ihn. Die eigentliche
Sensation verbigt sich im Innern. Die Erbauer legten gleich zwei Gänge
an. Mit 32 und 35 Metern sind sie jeweils fast doppelt so lang wie der
von Newgrange. Der östliche Gang endet ebenfalls in einer kreuzförmigen
Grabkammer, der westlich hat nur eine rechteckige.
In der östlichen Grabkammer wurde ein großes Steinbassin
gefunden, dass nach Aussagen der dortigen Archäologen vor Beginn
der Bauarbeiten dorthin geschafft worden sein muss. Der Versuch es von
dort zu entfernen schlug jedenfalls fehl. Knowth ist vielleicht berühmt
für die Zahl und Pracht der Dekorationen, der wichtigste Fund überhaupt
ist allerdings eine kleine Figur.
Künstlerische Revolution?
Die Ausgräber entdeckten die kleine Plastik in der östlichen
Grabkammer. In ihrer Form und Ausführung erinnert sie die meisten
Betrachter an einen Menschenkopf. Die Interpretation ist streitbar,
sicher ist allenfalls, dass es ein außergewöhnliches Artefakt
ist, zu dem es kein Pendant zu geben scheint. Ein Archäologe glaubt
sogar, dass zur Herstellung eine rotierende (Töpfer-) Scheibe benutzt
worden sein muss.
Als
Normalsterblichem erschließt sich einem die Faszination dieses
Artefaktes übrigens nur schwer, das ist aber nicht so ungewöhnlich.
Ich kennen einen ganzen Haufen Archäologen und irgendwie scheint
es nicht von Schaden zu sein, wenn man ein paar Risse in der Rauhfaser
hat - bildlich gesprochen. Natürlich will ich hier nicht über
Archäologen lästern. Das wäre in mancher Hinsicht ein
Eigentor, da rein technisch gesehen ich selbst einer bin.
Besonders
im Bereich der Ur- und Frühgeschichte fällt es halt manchmal
schwer, die Faszination von Objekten nachzuvollziehen. Mein Lieblingsbeispiel
dafür sind die sogenannten Pfostenlöcher - schwarze Flecken
in der Erde - aus denen Vorgeschichtler dann ganze Paläste rekonstruieren.
Da bin ich doch froh, dass ich Klassische Archäologie studiert
habe, wo man Leuten nicht lange erklären muss, was sie da gerade
sehen. Wenn ich die Wahl habe zwischen der Venus
von Willendorf und der Aphrodite
von Melos, halte ich persönlich es eher mit Griechenland. Nichts
gegen Österreich .
Alle
Designs von Knowth sind jedenfalls recht progressiv gerade auch im Vergleich
zu Newgrange. Die zuständigen Archäologen sehen in den Mustern
kontinentale Einflüsse. Sie stehen im klaren Gegensatz zum irischen
Hinterland. An anderen Standorten sind die verwendeten Themen viel homogener.
Man vermutet in ihnen die traditionelle einheimische Kunst. Zu Knowth
vergleichbare Ornamente finden sich dagegen in der Bretagne.
Auch Newgrange bietet die eine oder andere Überaschung, einige
der dort verwendeten Motive erinnern an Themen von der iberischen Halbinsel.
Der große Eingangsstein von Newgrange scheint dagegen von einem
ursprünglich auf den Orkney Inseln beheimateten Dekor inspiriert
zu sein.
Das Boine Tal legt den Schluss nahe, dass es schon im Neolithikum einen
regen Kulturaustausch zwischen dem Festland und den Inseln gab. Die
einheimische Megalithkultur erschufen mit Newgrange und Knowth zwei
der bedeutendsten Zeugnisse neolithischer Handwerkskunst und Architektur
überhaupt. Sie zählen zu den beliebtesten Ausflugszielen und
wichtigsten Mahnmalen irischen Kulturerbes.
Bemerkung:
Dieser Artikel entstand ursrpünglich für Freenet und ist dort
auch in ähnlicher Form nachzulesen.
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