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Die heimliche Hauptstadt
Die
Rede ist natürlich von Cork (Corcaigh) im Süden
der Insel. Obwohl Cork nur etwa 120.000 Einwohner hat und insgesamt
auch nicht besonders spektakulär ist, bestehen die alles
in allem ausgesprochen liebenswerten Bewohner der Stadt, dass
Cork die wahre Hauptstadt der Grünen Insel sei. Dubliner
lächeln darüber traditionell nur ein wenig und sagen:
"Ja, ja". Wir wissen wohl alle, was das heißt.
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Übersetzt bedeutet der Name soviel wie Marschland. Das macht Sinn,
schließlich liegt das alte Stadtzentrum auf einer Insel in der
Flussmündung der Lee. Gegründet wurde die Stadt offiziell
im Jahre 606, begeht im Moment also gerade einen runden Geburtstag.
Besiedelt war die Insel wohl schon davor. Der Heilige Finbarr
soll in der Zeit zwischen 500 und 600 auf der Flussinsel ein Kloster
gegründet haben.

The
River Lee in Cork, Ireland
Photo by Michael Rogers, 2002
geräubert von der Wikipedia
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So
richtig städtisch ging es wohl erst im 9. Jahrhundert zu, als die
Wikinger
kamen. Vermutlich haben die so oft verkannten Nordmänner die Insel
großflächig aufgeschüttet, den Platz also erstmals richtig
bewohnbar gemacht. Dass die Eroberung durch Wikinger nicht unbedingt
etwas Schlechtes sein musste, kennen wir auch von anderen Orten. Besonders
drastisch zeigt sich dies in York. Die Stadt gilt heute als einer der
Perlen Englands, erst unter den Wikingern entwickelte sie sich zu einem
Handelszentrum von internationalem Rang. Bei Ausgrabungen wurden zahlreichen
prachtvolle, kunstgewerbliche Artikel aus der Zeit entdeckt, aber kein
einziges Schwert. Soviel zu den blutrünstigen Barbaren.
Ich
will natürlich nicht behaupten, dass die "Dänen"
alles nur nette Zeitgenossen waren. Blutaxt bekam seinen Namen
nicht, weil er gut mit Kindern konnte, man soll das Bild der Wikinger
einfach nicht so polarisieren. In erster Linie wollten sie was nebenbei
verdienen. Je nachdem wie sie die Profitabilität einschätzten,
raubten sie halt oder errichteten einen Handelsstützpunkt. Ohne
diesen Einfluss gäbe es heute wohl weder Cork noch Dublin.
Im
13. Jahrhundert kamen die Normannen, die in mancher Hinsicht natürlich
auch nichts anderes als Wikinger waren. Die Stadt wurde intensiv ausgebaut
und durch Mauern und Turme geschützt. 1649 wurde es dann durch
Oliver Cromwell erobert, schon ab 1620 entwickelte es sich zu einem
der wichtigsten Handelszentren Irlands. Eine besondere Rolle spielte
dabei der Handel mit den Kolonien in Amerika und Westindien.
Die
Iren verbindet bis heute eine besondere Beziehung zu den Amerikanern
und ganz besonders natürlich dem irisch-stämmigen John F.
Kennedy. Den, obwohl in Boston geboren, betrachten sie als einen der
ihren und Kennedy war immerhin einer der populärsten Präsidenten
der amerikanischen Geschichte. Mit Ausnahme von George W. Bush Jr. fanden
übrigens alle amerikanische Präsidenten einen warmen Empfang
vor. Mit dem 43. Präsidenten haben sie es allerdings nicht so.
Als sich später herausstellte, dass Bush auch noch mit dem berüchtigten
Strongbow verwandt sein könnte, war es ganz aus. Sie mögen
ihn einfach nicht.
Ganz selbstverständlich war es auch der Hafen Corks, über
den der Exodus von etwa 3 Millionen Iren in die Neue Welt stattfand.
Das allerdings war keine so schöne Geschichte.
Im 18.
Jahrhundert sprengte Cork endlich die alten Stadtgrenzen, die Besiedlung
dehnte sich auch auf das Festland an beiden Ufern der Lee aus.
Im 19. Jahrhundert entstand dann Washington Street, die erstmals
das mittelalterliche Mauersystem durchbrach und eine Verbindung zu den
neu angelegten Stadtteilen im Westen herstellte. Cork erhielt sein modernes
Gesicht.
Besonders
erwähnenswert wäre dann wohl noch die Rolle Corks im Unabhängigkeitskampf
gegen die bösen Engländer. Wer nicht so sattelfest in neuerer
irischer Geschichte ist, dem sei die Sache kurz umrissen:
Widerstand
gegen die englische Besatzung gab es schon lange, allerdings waren sich
die Iren uneins über die Form des Widerstandes. Etlichen ging es
schließlich ganz gut und es hatte irgendwie ja auch Tradition,
von ausländischen Mächten regiert zu werden.
Die
blutige Niederschlagung des Osteraufstandes im Jahre 1916 brachte nun
aber auch den letzten Iren auf die Seite der Separatisten. In den allgemeinen
Wahlen von 1918 errangen die Republikaner entsprechend einen Kantersieg
und erklärten Irland kurzerhand für unabhängig. Sie schufen
ein eigenes Unterhaus. Eamon de Valera, ein Überlebender
des Osteraufstandes wurde erster Vorsitzender der Kammer.
Es
kam was kommen musste: Her majesty was not amused und schickte
Truppen, um den Paddies ein für allem mal die Flausen
auszutreiben. Zu seiner Verteidigung muss ich allerdings anmerken, dass
George V. damit eigentlich nichts zu tun hatte und maßgeblich
an der Beendigung des Konflikts beteiligt war. Ist mehr eine figure
of speech, eine Redewendung.
Der irisch-englische Krieg tobte bis Mitte 1921, wurde ausgesprochen
schmutzig geführt und endete mit einer Art Patt. Im Anglo-Irish-Treaty
erhielten als Teil eines Waffenstillstandsabkommens 26 irische Provinzen
ihre Unabhängigkeit, den anderen sechs (in Ulster) ließ man
die Wahl, ob sie dem neu gegründeten irischen Freistaat beitreten
wollten.
Für
die Iren war das alles in allem eine akzeptable Lösung, aber natürlich
nicht für alle. Es gab die Pro-Treaty-Fraktion und entsprechend
auch eine, die von dem Abkommen nicht ganz so viel hielt und davon überzeugt
war, dass man die bösen Briten ganz von der Insel treiben sollte.
Cork, Limerick und Waterford wurden von den Gegnern dieses Englisch-Irischen
Friedensabkommens gehalten. Um das zu unterstreichen rühmt sich
Cork bis heute, einer besonderen Unabhängigkeit seit den Zeiten
der Wikingerüberfälle zum Ende des 8. Jahrhunderts. Wir Dubliner
sagen dazu nur: Klar, ihr denkt ja auch ihr seid die wahre Hauptstadt.

Für Cork bildete das Jahr 2005 einen besonderen Höhepunkt.
Da war es Europäische Kulturhauptstadt. Es gab seinerzeit einige
Kritik an der Wahl. Viele störte, dass Cork nicht so arg viel zu
bieten hat und eigentlich ein ganz klein wenig zu provinziell ist für
eine Europäische Kulturhauptstadt. Man könnte sogar sagen,
dass - abseits von extra für die Europäer inszenierten Spektakel
- da der Hund begraben liegt. Das mag etwas fies klingen, es ist aber
wirklich so, dass in Cork nicht unbedingt der Bär steppt.
Ganz
so schlimm ist es natürlich auch nicht. Für Jazzfreunde zum
Beispiel ist Cork eine gute Adresse und da ich mich da auch dazu zähle,
will ich es nicht gar so schlecht machen. Die berühmtesten Kinder
der Stadt sind übrigens Rocklegende Rory Gallagher und Fußballmegastar
und Enfant terrible Roy "Keano" Keane.
Wichtigster Arbeitgeber der Stadt ist Apple und das passt eigentlich
ganz gut. Der Hersteller des "einzig wahren Betriebssystems"
siedelt sich in der "einzig wahren Hauptstadt" Irlands
an. Soll er. Im fernen Dublin finden sich halt nur weitgehend unbedeutende
Firmen wie Microsoft, IBM, Xerox, eBay, Hewlett Packard, Creative Labs,
Vodafone, UPS und so weiter, die ihre europäischen Hauptquartiere
allesamt auf der Grünen Insel und in völliger Unkenntnis der
eigentlichen Lage in, was sie für die Hauptstadt und Megametropole
hielten, aufgeschlagen haben.
Ein wenig was zu sehen gibt es Cork natürlich auch. Ausdrücklich
erwähnen möchte ich, die St. Finbarr Kathedrale in Anlehnung
an den Gründer der Stadt, das neue Opernhaus mit seiner spiegelnden
Fassade, den viktorianischen Backsteinbau der städtischen Gemäldegalerie,
die alte Universität und die Haupteinkaufsmeile St. Patricks Street.
Sehenswert sind darüber hinaus noch Bantry House & Gardens
und Blarney Castle, wo es schick ist, den sogenannten Blarney
Stone zu küssen. Angeblich verhilft das zu besonderer Eloquenz.
Ich habe die Geschwätzigkeit der Iren immer auf das gute Guinness
geschoben (das übrigens in Dublin gebraut wird), aber vielleicht
lag ich falsch und alle Dubliner Kneipenphilosophen sind an einem Punkt
ihres Lebens mal nach Cork gekrochen und haben den sagenhaften Stein
geküsst. Niemand ist allwissend, außer den erwähnten
Kneipenphilosophen natürlich.
Zu
bestaunen gibt es zudem noch verschiedene Wildlife Parks, Desmond Castle,
Mizen Head (den südwestlichsten Punkt Irlands) und nicht zu vergessen
The Royal Gunpowder Mill, wo bis ins Jahr 1903 Schießpulver
hergestellt wurde.
Ein kleiner Nachtrag noch: Ich hab nichts gegen Cork, aber etwas Spott
müssen sie schon abkönnen, schließlich haben sie den
Streit angefangen.
